2. September 2026 Heinz W. Süess
Grossbritannien stellt die Rolle der bisherigen Physician Associates (PA) neu auf. Nach einer unabhängigen Überprüfung sollen sie künftig wieder Physician Assistants heissen. Die geplante Reform geht jedoch deutlich weiter als eine reine Namensänderung: Sie betrifft die Abgrenzung zur ärztlichen Tätigkeit, ärztliche Supervision, Patientensicherheit, Transparenz sowie Ausbildung und berufliche Weiterentwicklung.
Für die Diskussion rund um Physician Assistants in der Schweiz und im deutschsprachigen Raum sind diese Entwicklungen besonders relevant. Sie zeigen, wie wichtig ein klar beschriebenes Kompetenzprofil, nachvollziehbare Verantwortlichkeiten und eine transparente Kommunikation gegenüber Patientinnen und Patienten sind.
Warum wird die Bezeichnung geändert?
Der britische Leng Review wurde Ende 2024 aufgrund der zunehmenden Kontroversen über die PA- und AA-Rollen eingesetzt. Er prüfte deren Sicherheit, Wirksamkeit und Beitrag zur multiprofessionellen Versorgung und veröffentlichte im Juli 2025 insgesamt 18 Empfehlungen (Department of Health and Social Care [DHSC], 2025a).
Eine zentrale Empfehlung ist die Rückkehr von Physician Associate zu Physician Assistant. Nach Einschätzung des Reviews sollte damit die Rolle für Patientinnen und Patienten klarer als unterstützende Funktion innerhalb eines ärztlich geführten Teams erkennbar werden. Parallel soll die Bezeichnung Anaesthesia Associate durch Physician Assistant in Anaesthesia ersetzt werden (DHSC, 2025a).
Die britische Regierung griff diese beiden Empfehlungen in ihrer Konsultation zur geplanten General Medical Council Order 2026 ausdrücklich auf. Die Konsultation behandelte die Änderung professioneller Titel mit dem Ziel, für Patientinnen und Patienten mehr Klarheit zu schaffen (DHSC, 2026).
Die geplante Umbenennung soll verdeutlichen:
- Physician Assistants sind qualifizierte klinische Fachpersonen.
- Sie arbeiten als Teil eines ärztlich geleiteten Behandlungsteams.
- Sie ergänzen ärztliche Leistungen, ersetzen Ärztinnen und Ärzte jedoch nicht.
- Ihr Tätigkeitsbereich braucht klare Grenzen, dokumentierte Kompetenzen und wirksame Supervision.
Zeitliche Einordnung: Die Rückbenennung war Ende August 2026 politisch vorgesehen und Gegenstand der gesetzlichen Reform, jedoch nicht einfach durch die Veröffentlichung des Reviews unmittelbar rechtswirksam geworden. Die entsprechende GMC-Reformkonsultation wurde im Sommer 2026 geschlossen; der weitere gesetzgeberische Prozess blieb abzuwarten (DHSC, 2026).
Die PA-Rolle bleibt – aber mit klareren Grenzen
Die britische Entwicklung ist keine Abschaffung der PA-Rolle. Sie ist vielmehr ein Versuch, deren Einsatz sicherer, eindeutiger und konsistenter zu gestalten. Der Leng Review fordert eine präzisere Definition der Aufgaben sowie eine stärkere Unterscheidung zwischen unterstützender Tätigkeit und ärztlicher Verantwortung (DHSC, 2025a).
Besonders wichtig ist die Erstbeurteilung von Menschen mit neuen, unklaren oder potenziell komplexen Beschwerden. Physician Assistants sollen solche undifferenzierten Patientinnen und Patienten nicht selbstständig als ersten klinischen Kontakt beurteilen und behandeln. Gemeint sind beispielsweise Personen mit neuen Brustschmerzen, akuter Atemnot, neurologischen Auffälligkeiten oder nicht erklärten Allgemeinsymptomen.
In solchen Situationen soll zunächst eine entsprechend qualifizierte Ärztin oder ein entsprechend qualifizierter Arzt die klinische Einschätzung vornehmen. Ausnahmen wären nur innerhalb klar definierter, geeigneter klinischer Protokolle denkbar (DHSC, 2025a).
Damit will das Vereinigte Königreich verhindern, dass sich Rollen aufgrund von Arbeitsdruck oder Personalengpässen informell ausweiten. Gerade bei medizinisch noch nicht eingeordneten Beschwerden soll die diagnostische Gesamtverantwortung klar ärztlich verankert bleiben.
Ärztliche Supervision wird verbindlicher
Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Supervision. Die GMC hält bereits heute fest, dass Physician Associates und Anaesthesia Associates unter Supervision arbeiten. Für Ärztinnen und Ärzte, die PAs oder AAs anleiten und Aufgaben delegieren, gelten klare Erwartungen hinsichtlich Verantwortung, Delegation und angemessener Unterstützung (General Medical Council [GMC], 2025).
Im Rahmen der Reform soll diese Supervision noch verbindlicher und sichtbarer werden. Jede bzw. jeder Physician Assistant soll einer namentlich bestimmten, ausreichend erfahrenen ärztlichen Fachperson zugeordnet sein. Diese Person trägt die Verantwortung dafür, dass delegierte Tätigkeiten zur Ausbildung, Erfahrung und nachgewiesenen Kompetenz des jeweiligen PA passen.
Für die Praxis bedeutet dies:
- Delegierte Aufgaben müssen zum individuellen Kompetenzniveau passen.
- Es braucht eindeutige Eskalationswege bei Unsicherheit, Verschlechterung oder komplexen Entscheidungen.
- Ärztliche Supervision muss organisatorisch tatsächlich erreichbar sein.
- Diagnose, Therapieentscheidungen und die medizinische Gesamtsteuerung bleiben ärztlich verantwortet.
Patienten sollen die Rolle klar erkennen
Ein zentraler Anlass für die Reform war die Sorge, dass Patientinnen und Patienten die PA-Rolle teilweise nicht ausreichend von einer ärztlichen Rolle unterscheiden konnten. Die Namensänderung soll daher durch klare, einheitliche Informationen und eine sichtbare Berufskennzeichnung ergänzt werden (DHSC, 2025a, 2026).
Dazu gehören insbesondere:
- Gut lesbare Namensschilder mit eindeutiger Berufsbezeichnung.
- Transparente Kennzeichnung auf Kleidung, Dienstausweisen und digitalen Profilen.
- Verständliche Patienteninformationen zu Funktion, Kompetenzrahmen und Supervision.
- Eine aktive Vorstellung zu Beginn des Patientenkontakts.
- Klare Kommunikation darüber, wann und wie ärztliche Fachpersonen beigezogen werden.
Diese Transparenz ist ein Qualitäts- und Sicherheitsfaktor. Patientinnen und Patienten sollen nachvollziehen können, von wem sie behandelt werden, welche Qualifikation diese Person hat und wer die medizinische Verantwortung trägt.
Kein Ersatz für ärztliche Stellen
Die Reform betont, dass Physician Assistants nicht als Ersatz für Ärztinnen und Ärzte eingesetzt oder in der Personalplanung als gleichwertige Substitution ärztlicher Stellen gerechnet werden sollen. Vielmehr handelt es sich um eine eigenständige Berufsrolle innerhalb eines multiprofessionellen Versorgungsteams (DHSC, 2025a).
PAs können Teams sinnvoll unterstützen, beispielsweise durch die strukturierte Vorbereitung von Visiten, die Koordination von Behandlungsabläufen, die Verlaufsdokumentation, die Patienteninformation, klar delegierte Untersuchungen oder die Versorgung bekannter und standardisierter Krankheitsbilder.
Die ärztliche Kompetenz bleibt jedoch zentral, wenn es um die Erstdiagnostik, unklare Beschwerden, komplexe Differenzialdiagnosen, risikoreiche Entscheidungen oder die medizinische Gesamtverantwortung geht.
Strukturierte Entwicklung statt informeller Kompetenzzuwachs
Der Leng Review spricht sich dafür aus, dass erweiterte Tätigkeiten nicht allein aufgrund persönlicher Erfahrung oder lokalem Bedarf entstehen. Stattdessen sollen sie über nachvollziehbare Ausbildung, dokumentierte Kompetenznachweise, klinische Governance und strukturierte Credentialing-Prozesse abgesichert werden (DHSC, 2025a).
Daraus ergeben sich mehrere Anforderungen:
- Zusätzliche Aufgaben benötigen definierte Kompetenzstandards.
- Erweiterte Tätigkeitsprofile müssen nachvollziehbar geregelt sein.
- Supervision, Qualitätskontrolle und Verantwortlichkeiten müssen mitwachsen.
- Berufliche Spezialisierung darf nicht mit uneingeschränkter ärztlicher Autonomie verwechselt werden.
Langfristig können daraus spezialisierte PA-Profile entstehen, beispielsweise in der Chirurgie, Inneren Medizin, Notfallversorgung, Onkologie, Psychiatrie oder Grundversorgung. Voraussetzung ist jedoch ein klarer Rahmen, der Patientensicherheit, Kompetenzentwicklung und Verantwortlichkeit miteinander verbindet.
Was bedeutet das für die Schweiz?
Für die Schweiz bietet die britische Entwicklung wichtige Ansatzpunkte. Die PA-Rolle befindet sich auch hier in einer Entwicklungsphase: Ausbildungsangebote wachsen, Institutionen sammeln Erfahrungen und Spitäler, Gruppenpraxen sowie spezialisierte Einrichtungen entwickeln neue Einsatzmodelle.
Aus den britischen Reformen lassen sich insbesondere fünf Erkenntnisse ableiten:
- Der Berufstitel beeinflusst Erwartungen. Eine verständliche und eindeutig verwendete Berufsbezeichnung reduziert Missverständnisse bei Patientinnen, Patienten und anderen Berufsgruppen.
- Kompetenzprofile müssen sichtbar sein. Aufgaben, Delegationsregeln, Kompetenzstufen, Supervisionsmodelle und Eskalationswege sollten klar dokumentiert sein.
- Patientenkommunikation ist Teil der Versorgungsqualität. Die transparente Erklärung von Funktion, Qualifikation und Verantwortlichkeit fördert Vertrauen und informierte Entscheidungen.
- Supervision muss im Alltag funktionieren. Die ärztliche Einbindung darf nicht nur formal bestehen, sondern muss klinisch, organisatorisch und zeitlich real gewährleistet sein.
- PAs können Versorgung stärken – bei sauberer Integration. Sie können Kontinuität verbessern, Teams entlasten und Prozesse stabilisieren. Voraussetzung ist ein sicherer, kompetenzorientierter und klar verantworteter Einsatz.
Fazit
Mit der vorgesehenen Rückkehr zur Bezeichnung Physician Assistant setzt Grossbritannien ein klares Signal: Im Zentrum steht nicht die möglichst weitgehende Ausdehnung einer Rolle, sondern ihre sichere, transparente und klar abgegrenzte Integration in multiprofessionelle medizinische Teams.
Die britische Reform zeigt, dass eine tragfähige PA-Rolle drei Voraussetzungen braucht: einen verständlichen Berufstitel, ein präzise definiertes Kompetenzprofil und eine im klinischen Alltag wirksame ärztliche Supervision. Für die Schweiz bietet dies eine Chance, Ausbildungsprogramme, Kompetenzmodelle und Einsatzkonzepte frühzeitig so zu gestalten, dass Patientensicherheit, Qualität und Teamarbeit gleichermassen gestärkt werden.
Quellenverzeichnis
- Department of Health and Social Care. (2025a, 16. Juli). Independent review of the physician associate and anaesthesia associate roles: Final report. GOV.UK. https://www.gov.uk/government/publications/independent-review-of-the-physician-associate-and-anaesthesia-associate-roles-final-report
- Department of Health and Social Care. (2025b, 21. Februar). Independent review of physician associates and anaesthesia associates. GOV.UK. https://www.gov.uk/government/collections/independent-review-of-physician-associates-and-anaesthesia-associates
- Department of Health and Social Care. (2026, 24. März). Reforming the General Medical Council legislative framework. GOV.UK. https://www.gov.uk/government/consultations/reforming-the-general-medical-council-legislative-framework
- General Medical Council. (2025, 24. April). Supervision of physician associates and anaesthesia associates. https://www.gmc-uk.org/professional-standards/ethical-hub/supervision-of-physician-associates-and-anaesthesia-associates